„Unser Leben auf den Plantagen war wie ein Märchen.”

Auf einer indischen Teeplantage aufzuwachsen, stellen sich die meisten von uns wohl wie ein einziges exotisches Abenteuer – zu Recht. Denn zu Uday Shahs Kindheit in Darjeeling und Assam gehörten weiße Villen, Angestellte, Mangobäume und duftende Teelager in der Tat dazu. Nachdem ich den E-Commerceler vor einiger Zeit per Zufall über Xing kennen gelernt habe, hat er sich jetzt spontan zu einem Blog-Interview bereit erklärt und mit uns über sein außergewöhnliches Leben, Lieblingstees, Cricket und die Arbeitsbedingungen auf vielen Plantagen gesprochen.

Teeplantage

Dieses Bild wurde unter der Creative Commons Licence von Ankur P veröffentlicht

Andi: Uday, du hast Deine Kindheit auf Teeplantagen verbracht. Wie und warum hast du dort gelebt?

Uday: Meine Eltern waren in Plantagen in Darjeeling und Assam. Ich und mein Bruder gingen derweil in ein englischsprachiges Internat in Kalkutta und haben unsere Ferien auf den Plantagen verbracht. Da mein Vater Estate Manager bei Liptons war, wurde er oft zu den verschiedenen Estates versetzt, und die Eltern fanden es sinnvoll, dass wir die Schule nicht so oft wechseln sollten. Die Tea Estates waren meistens in abgelegenen Gebieten und waren wie kleinen britischen Enklaven. Dort gab es echt alles, was das Herz begehrte: Ein Clubhouse, Golfplätze, Swimming Pool, große Christmas Partys mit Geschenken für alle Kinder. Wir haben in riesigen Kolonialstil Bungalows mit Angestellten gelebt.

Andi: Wow, und was für Angestellte hattet Ihr?

Uday: Bei uns zu Hause gab es ein Koch, ein Kindermädchen, zwei Diener, Putzmänner, Gärtner und zwei Chauffeure. Jeder hatte eine Uniform je nach Aufgabengebiet. Alles wurde von der Firma bezahlt und zählte zu den Perks.

Andi: Ich selbst bin in einer Reihenhaussiedlung als Sohn eines Beamten im Ruhrgebiet aufgewachsen. Dagegen stell ich mir deine Kindheit wie einen einzigen romantischen Roman vor…

Uday:
Damals war das für mich alles genauso normal, so wie es für Dich in der Reihenhaussiedlung war. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich allerdings kaum glauben, was wir damals für ein Leben auf den Plantagen geführt haben. Es ist wie ein Märchen. Meine Eltern denken aber oft und gerne daran zurück.

Andi: Wahrscheinlich hat sich bei dir zu Hause das ganze Leben um Tee gedreht. Hättest du manchmal gerne mit anderen Kids getauscht?

Uday: Nein, eigentlich war es gar nicht so extrem. Mein Vater hat zu Hause seinen Job Job sein lassen. Manchmal wurde er aber auch nachts aus dem Bett geholt, wenn es in der Teeproduktion irgendwelche Notfälle gab. Ansonsten war das Clubhouse jeden Abend ein Treffpunkt für Angestellte ab einem bestimmten Rang. Es gab Live-Musik, Partys und oft Skandale wegen Fremdgehen. Das normale Leben halt ; )…

Andi: Und wie hast du deine Freizeit verbracht?

Uday: Ich habe viel Cricket gespielt und war in der Schulmannschaft als batsman. Rugby war auch mein Sport, außerdem habe ich viel gelesen. Polo habe ich allerdings nie gelernt.

Andi: Durftest du damals eigentlich Kontakt zu den Kindern der Teepflücker haben?

Uday:
Nein, wir durften nicht mit ihnen spielen, obwohl wir es manchmal heimlich doch getan haben. Dann sind wir gemeinsam an Mangobäumen hochgeklettert, um die Früchte zu pflücken. Oder haben uns einfache Spiele mit Murmeln, Kreiseln, Bällen, Stöcken und Altreifen ausgedacht. Heute ist dieses Klassendenken leider immer noch so, was ich persönlich sehr schade finde.

Andi: Gibt es für dich etwas, das du für immer mit dem Leben auf den Plantagen verbinden wirst?

Uday: Ja, wir haben immer im Garten gefrühstückt und zu Mittag gegessen und es uns einfach als Familie gut gehen lassen. Außerdem war Weihnachten sehr spannend. Es kam ein echter Santa Claus ins Clubhouse mit unseren Geschenken. Es wurden dann Namen von jedem Kind aufgerufen und das Geschenk überreicht – und immer das, was man sich gewünscht hatte. Eine wirklich tolle Logistikleistung des Weihnachtsmanns ;-)!

Andi:
Leider ist das nur die eine Seite des Plantagen-Lebens. Der Deutsche Teeverband hat über die Arbeitsbedingungen der Teepflücker gemeldet, dass diese nach wie vor sehr hart seien. Aber gemessen am Durchschnittseinkommen würden die Menschen gut bezahlt und seien gewerkschaftlich organisiert. Was sind Deine Erfahrungen?

Uday: Natürlich sind diese Informationen geschönt. Es gibt gute Vorzeige-Plantagen, aber auch ganz andere Estates mit schlechteren Arbeitsbedingungen. Wenn die Waren einmal bei den Auktionen sind und von den großen Konzernen gemischt wurden (blends), weiß auch keiner mehr, wo der Tee herkam. Fakt ist, dass die Importeure immer noch am meisten daran verdienen – Fair Trade hin oder her. Aber es hat sich vieles im Sinne der Pflücker auch sehr verbessert. Das National Tea Board ist allerdings lediglich ein staatliches Kontrollorgan. Auch hier sind Bestechungen an der Tagesordnung, sonst wären Discounter-Preise einfach nicht möglich.

Andi: Kommen wir zurück zu dir. Was ist denn Dein Lieblingstee?

Uday: Oh, da gibt es mehrere. Am liebsten trinke ich mehrmals am Tag indischen Chai. Oder schwarzen Tee mit gestoßenem Kardamom aufgekocht, dann mit Milch und Zucker verfeinert. Manchmal kommt mir aber auch gerne schwarzer Tee mit Zitronensaft, Zucker und eine Prise Salz in die Tasse.

Andi:
Bei den Briten ist ja die Frage, ob erst der Tee oder die Milch in die Tasse kommt, ein zentrales Streitthema. Zu welchem Lager zählst du – Tif (Tea-in-first) oder Mif (Milk-in-first)?

Uday:
Also ich gehöre eindeutig zu der Tif-Abteilung.

Andi: Und wo ich schon mal einen echten Plantagen-Kenner da habe – hast du einen Insider-Tipp in Sachen Tee für uns?

Uday: Probiert mal den Tee von Gayabari Tea Estates in der nähe von Darjeeling (bei Kurseong). Es gehört einem guten Freund von mir, und er baut einen echten Organic Tea an. Er hat diese Gardens von den Eltern geerbt, 8 Jahre stillgelegt und andere Sachen angebaut, um den Boden von Pestiziden etc. zu bereinigen. Jetzt ist der First Flush wirklich ein Hochgenuss!

Andi: Insgesamt hört sich deine Zeit in Indien nach einem sehr glücklichen Leben an. Was hat Dich nach Deutschland verschlagen?

Uday: Ich kam nach Deutschland zum Studieren. Ich wollte nicht nach Großbritannien oder in die USA wie die anderen, und bin echt froh drum. Außerdem ging es mir wie vielen im Leben: Kaum am anderen Ende der Welt, schon habe ich eine Frau hier kennen gelernt und bin hängen geblieben.

Andi: Du betreibst jetzt unter anderem einen Online-Shop für Lederwaren (www.lederwaren.com). Was fasziniert Dich an diesem Produkt?

Uday: Ich bin während meiner Studienzeit in Deutschland zufällig in diese Branche reingerutscht. Alle Produkte in meinem Shop designe ich selbst und lasse sie in verschiedenen Ländern produzieren, hauptsächlich in Argentinien, wegen der hohen Qualität des Leders. Ich liebe das Material und die Gestaltungsmöglichkeiten. Jede Kollektion ist eine neue Herausforderung. Alles fließt und entwickelt sich weiter, das ist toll! Und ich bin mein eigener Chef, so wie du.

Andi: Ich wünsch dir auf jeden Fall weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für das Interview!

Anmerkung der Redaktion: Uday wird versuchen, noch ein paar alte Bilder aus seiner Schulzeit zu finden, die wir dann an dieser Stelle zeigen können.

Einen Kommentar schreiben